Dr. Adobeit

„Geh mal nicht zu Frau Dr. Adobeit, die ist etwas herbe. Nimm lieber die Andere.“

Auf Anraten meiner stets besorgten Mutter vereinbarte ich neulich einen Termin in einer Augenarztpraxis. Um einfach mal alles untersuchen zu lassen. Augendruck, Netzhaut – mit zunehmendem Alter wird man ja immer leichter Opfer unzähliger Unzulänglichkeiten des Körpers.

Ich radelte also in gespannter Erwartung zur Arztpraxis und wurde sogleich von einer hübschen, wenn auch recht wortkargen Sprechstundenhilfe empfangen. Eine herbe Verwandte von Frau Dr. Adobeit?

Nach nur kurzer Wartezeit klärte mich eine weitere Person fröhlich zwitschernd über die anstehenden Prozesse auf. Definitiv nicht Frau Dr. Adobeit. Ich konnte dies nur vermuten, denn offenbar hielt man es für unhöflich, die mitunter blind umherirrenden Patienten auch noch mit konkreten Namensinformationen zu behelligen.

Über die zu erwartenden Kosten hingegen ließ man sich ungehemmt aus, € 30 müsse ich für die Netzhautuntersuchung und € 20 für die Augendruckuntersuchung hinterlegen, ich hätte doch Bargeld dabei? Ein EC-Gerät gäbe es nämlich nicht. Allerdings sei die Augendruckuntersuchung für Familienmitglieder kostenlos, und da ja meine Mutter schon mal mit einem ähnlichen Problem behandelt wurde….

Nicht, dass ich bisher ein ähnliches Problem bei mir festgestellt hätte, aber € 20 spare ich immer gern, also nickte ich eifrig. Dann wurde ich in ein leeres Zimmer geschubst, „Fenster kann offen bleiben, ja? Ist doch endlich mal so schön sonnig draußen. Frau Doktor kommt gleich.“ Zwitscherte die Praxismitarbeiterin und entschwand.

Und ließ mich allein mit der Frage, ob mit Frau Doktor wohl Frau Dr. Adobeit gemeint war? Oder doch die Andere? Während ich dieser Frage noch nachhing, öffnete sich die Tür und herein rauschte eine einschüchternd gut aussehende Frau meines Alters, umweht von dieser gewissen „ich-habe-im-Gegensatz-zu-Dir-eine-eigene-florierende-Augenarztpraxis“-Aura. Bildete ich mir das ein oder sank die Raumtemperatur grad um 1 Grad? Am offenen Fenster konnte es nicht liegen, schließlich war es ja draußen so schön sonnig.

Gegen Frau Dr. Adobeit (und es bestand kein Zweifel daran, dass es sich hier um Frau Dr. Adobeit handelte) ist ein Herr Schwarzenegger ein heller Quell der Lieblichkeit. Ich sprang auf (warum sprang ich auf!?) und bot sowohl Handschlag als auch Nachnamen dar, heilfroh, mich so weit unter Kontrolle zu haben, dass ich nicht noch einen Knicks andeutete.

„Adbt“ würgte sie mit Terminatorblick hervor, „sind Sie das erste Mal hier und warum HIER?“ „Das erste Mal und auf Empfehlung meiner Mutter“.

Bloß keine unnützen Worte verlieren und dass meine Mutter tendenziell von Frau Dr. Adobeit abgeraten hatte, schien mir jetzt irgendwie unpassend zu erwähnen. „Offenbar hat man Sie nur über die Netzhautvorsorge aufgeklärt, Augendruck kostet € 20 extra“ dozierte sie und zauberte ein Formular aus der Formularschublade hervor.  „Ja, aber nein, Ihre Kollegin…, meine Mutter… Familienmitglied…“ stotterte ich – allerdings nur in Gedanken und unterzeichnete stumm und beflissen das Formular.

„So, erstmal Augenstärke, können Sie die untere Reihe lesen? Und jetzt linkes Auge? Über 100%, da wird nichts angepasst! Sie bekommen jetzt Tropfen – nach oben schauen – hier reingucken. Fertig.  Jetzt setzen Sie sich 20-30 Minuten ins Wartezimmer, dann wird nochmal getropft, dann schau ich noch mal!“

Plötzlich befand ich mich wieder im Wartezimmer, mit leicht verschwommener Sicht, den milden Blick einer verständnisvollen Mitsitzenden auf mir ruhend, als wollte sie sagen „ja, dieser verschwommene Blick, den kenne ich gut.“

Sie wandte sich allerdings verächtlich wieder ab, als ich mein Smartphone herausholte und zu tippen anfing. Aber schließlich hatte ich nur 20-30 Minuten, um mein gerade durchlebtes Trauma schriftlich zu verarbeiten.

„Wollen Sie die € 20 jetzt doch zahlen?!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand die zwitschernde Praxismitarbeiterin neben mir und starrte mich vorwurfsvoll an. Ertappt fuhr ich zusammen. Waren das nicht erst 5 Minuten gewesen? Und war es hier überhaupt erlaubt, mit frisch getropften Augen auf einen winzigen Bildschirm zu starren und kleine Buchstaben zu produzieren? Angelegentlich ließ ich das Handy in die Tasche gleiten und betete, dass ich dabei nicht versehentlich den delete- Knopf drückte. „Äh, ich wollte da jetzt mit Frau Dr. Adobeit nicht lange drüber diskutieren…“ Ich brauchte nicht hinzuzufügen, dass ich es gar nicht erst probiert hatte, ihre Miene wurde weich, sie nickte verständnisvoll und sagte leise „ich mach Ihnen dann mal eine Quittung fertig.“

Wieder allein gelassen nahm ich vorsichtig meine Schreibarbeit wieder auf und fuhr erneut zusammen, als die hübsche, aber irgendwie unverbindliche Sprechstundenhilfe plötzlich vor mir stand, „nachtropfen, Blick nach oben“ anordnete und sich genauso schnell wieder entmaterialisierte.

Nach meiner Berechnung hatte ich noch mindestens 20 Minuten, aber die Zeitrechnung in der Augenarztpraxis von Frau Dr. Adobeit und der Anderen unterliegt offenbar anderen Naturgesetzen. Innerhalb von weiteren gefühlten 5 Minuten wurde ich wieder in einen Behandlungsraum befördert, für fertig behandelt befunden, herbe verabschiedet und auf die Straße gesetzt, wo ich benommen ins gleißende Sonnenlicht blinzelte.

Ich glaube, es war wieder ein Grad wärmer geworden.

Effizient ist sie ja, das muss man Fr. Dr. Adobeit lassen….und ich bin mir auch gar nicht sicher, ob die Andere überhaupt existiert.

Erna in the City.

 

Ein Gedanke zu “Dr. Adobeit

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