„Hey there, awesome runner, have a great run today!“
Die fröhlich motivierende Stimme ist Bestandteil des wunderbaren Trainingsprogamms „von Couch-Potato zum 5 km-Lauf in 8 Wochen“.
Ich befinde mich in Woche 24 des Programms und genauso lange warte ich auch schon darauf, dass sich der Aha-Effekt beim Erreichen der für mich optimalen Laufgeschwindigkeit einstellt. Man sagt ja, dass man in der richtigen Geschwindigkeit läuft, wenn man sich dabei noch unterhalten kann, ohne außer Atem zu geraten.
Mein Gesicht nimmt bereits nach den ersten Schritten die Farbe eines warmen Erdbeertons an. Bei dem Gedanken, jetzt auch noch mit jemandem reden zu müssen, würde ich gern auflachen. Wenn ich die Luft dazu hätte.
„You`re doing great!“ mischt sich die virtuelle Trainerin in meine Gedanken.
„Komm Mädchen, das geht doch schneller“ ruft der bucklige Alte, der mir auf dem Uferweg, für dessen landschaftlichen Reize ich grade keinen Sinn habe, entgegenrollt.
„Ha! Dir mit Deinem Rollator laufe ich noch allemal davon!“ würde ich gern rufen. Wenn ich die Luft dazu hätte. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob das der Wahrheit entspräche.
Ich klammere mich an „doing great!“ und den Gedanken ans Frühstück, welches am Ende meines 25-minütigen Martyriums auf mich warten würde. Mit frischen Brötchen und Nutella und – Moment, keine Brötchen mehr da. Nutella alle. Auf dem Rückweg kurz in den Supermarkt einkehren? In meinem desolaten Zustand? Auf keinen Fall! Wird eben das Brot vom Vortag aufgetoastet. Und irgendwas zum Raufschmieren finde ich sicher auch noch im Kühlschrank.
„You`ve reached the halfwaypoint!“
Hallo?! Half way?! Jetzt erst?! Spinnt die?! Wie soll ich denn jetzt noch the other way ohne Sauerstoffzelt?! Ich frag mich zum wiederholten Male, warum ich das eigentlich tue. Um fit im Alter zu sein? Aber was ist Alter? Für die zwei Elfen, die angeregt diskutierend im 10 km/h Laufschritt an mir vorbeiziehen, bin ich wahrscheinlich jetzt schon alt.
Ich ziehe die Baseballkappe tiefer ins Gesicht, raffe mich zum Endspurt auf und werde von einer ungrazilen Hausfrau überholt. „Guten Morgen“ grüßt sie freundlich. „Hmpf“ antworte ich.
„Cool down by walking for 5 minutes“. Gleichzeitig mit dem melodischen ‚Pling’, welches das Ende meines heutigen Lauftrainings einläutet, fällt mir das Nutellaglas ein, welches noch in meinem Büro steht. Schnell rein, Glas schnappen, ab nach Hause – das schaffe ich, ohne in soziale Interaktionen treten zu müssen. Ein Lächeln breitet sich über mein Erdbeergesicht aus. Laufen ist ja doch gar nicht so doof.
Von meiner Running-Play-List ertönt das erste Lied, welches eine Herzschlagrate von 80 pro Minute deutlich übersteigt.
Ich sollte etwas an meiner Playlist ändern.
Wenn ich dieses Programm absolviert habe, fange ich mit dem Trainingsprogramm „schneller laufen in 8 Wochen“ an.
Das müsste ich bis Weihnachten eigentlich schaffen.
Erna in the City.